Schnitter Kriegsgefangene Zwangsarbeiter

Ausländische Landarbeiter in Mecklenburg

ISBN: 978-3-948995-27-0 Softcover1. Auflage 2024

8,00 

Beschreibung

In Schnitter, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter beleuchtet Gisela Krull ein bisher oft vernachlässigtes Kapitel der Geschichte Mecklenburg-Strelitz‘. Mit tiefgründiger Recherche, persönlichen Begegnungen und den Erinnerungen von Zeitzeugen dokumentiert sie die Lebensrealitäten ausländischer Arbeiter, Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter, die während des 20. Jahrhunderts auf mecklenburgischen Feldern tätig waren. Die Autorin verknüpft Einzelbeispiele und persönliche Schilderungen mit einem breiteren historischen Kontext und schafft so ein vielschichtiges Bild einer Epoche, in der globale Entwicklungen und lokale Schicksale untrennbar miteinander verwoben waren. Dabei setzt sie sich auch kritisch mit Verdrängung und Verharmlosung auseinander und plädiert eindringlich für ein besseres Verständnis von Geschichte und Identität als Grundlage für Toleranz und ein friedliches Miteinander. Dieses Buch ist nicht nur eine historische Bestandsaufnahme, sondern auch ein Appell an das Gewissen: Es ruft dazu auf, die Verantwortung für die Vergangenheit anzunehmen und Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Kulturen und Generationen.

Zusätzliche Informationen

Produktform allg.Softcover
Abbildungen Über 20 Abb. (1 Farbfoto, 20 s/w-Fotos sowie weitere s/w-Abbildungen)
Format11,0 cm x 17,0 cm
ISBN978-3-948995-27-0
Auflage1. Auflage 2024
SprachenDeutsch
Erscheinungstermin26.11.2024
Warengruppe Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Verlagedition lesezeichen von STEFFEN MEDIA GmbH

Vorwort

Ich wurde 1999 von einer Redakteurin der Strelitzer Zeitung gebeten, einen Beitrag zu dem Thema Mecklenburg‐Strelitz im 20. Jahrhundert zu schreiben. Mir fielen spontan die ausländischen Arbeiter in der Landwirtschaft ein. Von den Saisonarbeitern hatte ich in der Peckateler Kirchenchronik gelesen, hatte noch ehemalige Schnitterinnen kennen gelernt, und hatte Nachkommen von Schnitterfamilien unterrichtet. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter kannte ich aus meiner Kindheit, wenn auch nicht in Mecklenburg.
Ungefähr 1980 begann ich, ältere Einwohner unserer Gemeinde zu befragen nach Lebensverhältnissen, Bräuchen und prägenden Ereignissen. Wenn sie über die Kriegszeit berichteten, erwähnten sie immer wieder die französischen Kriegsgefangenen und die Zwangsarbeiter. Sie hatten zu ihnen gehört, denn sie wurden gebraucht. Nach 1990, als die Frage der Entschädigung aktuell wurde, las ich mit Anteilnahme Beiträge zu diesem Thema und hörte Äußerungen im Dorf und
Bekanntenkreis, die ich nicht immer billigte. Es ist an der Zeit, Verbrechen nicht mehr zu verharmlosen, wer immer sie beging.
Ich schrieb den gewünschten Zeitungsartikel unter der Überschrift Fremde Hände regten sich auf mecklenburgischen Feldern. Die Reaktion beeindruckte mich. Leser sandten Zuschriften mit Schilderungen eigener Erlebnisse oder Beobachtungen.
Im Heft 3 der Reihe Strelitzer Land hatte ich Gelegenheit, den Zeitungsartikel zu erweitern mit dem Versuch, das Thema in historisches Geschehen einzuordnen. Letztendlich blieb mein Text jedoch auf Einzelbeispiele beschränkt.

Im Jahre 2004 fand ich in der Stadtbibliothek Neustrelitz das Buch von Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge. Mir schien kompetent, wie der Autor das Thema behandelt. Also ging ich noch einmal daran, nun mit Hilfe des Historikers, Zusammenhänge und Entwicklungen darzustellen. Die nüchterne Nennung von Zahlen und Fakten, die ich im Buch fand, ergänzte ich mit Zeitzeugenberichten, um die Schrift anschaulich zu gestalten, aber vor allem, um am Konkreten das Allgemeine aufzuzeigen.
Im Zeitalter der Globalisierung erscheint es mir wichtig, dass die Identität eines Volkes bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen berücksichtigt wird. Menschen, die in denselben Verhältnissen, wie Landschaft, Klima, Sprache, Arbeitsweise und Sitten, leben, entwickeln bestimmte Handlungsmuster und Wertvorstellungen, dabei spielen auch die historischen Erfahrungen eine Rolle.

Manche Deutsche reden heute noch überheblich von „polnischer Wirtschaft“. Wenn das polnische Volk seit Jahrhunderten immer wieder von Nachbarländern bedroht, überfallen und beraubt wurde, entwickelte es zwangsläufig ein anderes Verhältnis zum Eigentum als die benachbarten Völker. Aus Erfahrung fühlten sich polnische Familien nie sicher, ob ihr Besitz eines Tages Kindern und Enkeln zugutekommen werde. Immerhin erlebten sie u. a. drei polnische Teilungen und im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege mit Kampfhandlungen innerhalb des Landes und jahrelange Besatzung. Das Wissen über Geschichte und Identität eines Volkes ist die Voraussetzung für Toleranz und für erfolgreiches Arbeiten in einer Völkergemeinschaft wie der EU.

Ich denke, das Thema über ausländische Landarbeiter ordnet sich hier ein. Besser als Marion Gräfin Dönhoff, „Vorkämpferin der Versöhnung mit unseren Nachbarn im Osten“, kann ich es nicht sagen. „In Nikolaiki, der kleinen Stadt in der Mitte der großen masurischen Seen, erhielt das dortige Gymnasium den Namen ‚Marion‐Dönhoff‐Schule’. Eine Deutsche als Patronin eines polnischen Gymnasiums! … Die Abiturienten bekamen in einer kurzen Ansprache zu hören: ‚Vielleicht werden Sie mich fragen, was mir als geistige Einstellung für die Zukunft am wichtigsten erscheint. Ich denke, ihr müsst vor allem versuchen, tolerant zu sein – denn wer wirklich tolerant ist, der wird nicht in Hass verfallen und darum auch nicht versucht sein, Gewalt zu üben … Er wird keine neuen Feindbilder erfinden, mit denen der Gegner verunglimpft wird. Wenn es Ihnen gelingt, wirklich tolerant zu sein, dann haben Sie viel für Ihr Vaterland geleistet.’“ (Krockow 2004, S. 387)

Neustrelitz, im November 2024
Gisela Krull

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung 7
Saison‐ oder Wanderarbeiter (Schnitter) 10
Gründe für den Arbeitskräftemangel in der
Landwirtschaft am Anfang des 19. Jahrhunderts 10
Ausländerbeschäftigung – Vorteil für die Gutsbesitzer 12
Sorge um die „Kirchlichkeit der Gemeinde“ und
Nationalhass 13
Die Anwerbung 15
Skandalöse Wohnverhältnisse und andere Missstände 16
Vom Saisonarbeiter zum Zwangsarbeiter 1914 bis 1918 17
Beschäftigung polnischer Landarbeiter trotz
Arbeitslosigkeit 1918 bis 1933 19
Grüne Karten und Befreiungsscheine 20
Polnische Schnitter wurden deutsche Staatsbürger 21
Einsatz ausländischer Arbeitskräfte von 1930 bis 1939 22
Wir waren Schnitterkinder 24
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene 27
Polnische Kriegsgefangene in den Status „Zivilarbeiter“ überführt 27
Arbeits‐ und Lebensbedingungen der polnischen Zwangsarbeiter 30
Französische Kriegsgefangene oder „unser Franzose“ 32
„Herrenmenschen“ kontra „Untermenschen“ 34
Ostarbeiter‐Erlasse 1942 36
Bessere Behandlung und politische Aufwertung 38
Sie galten als fleißig und verursachten keinerlei Unruhe 39
Eine ungewöhnliche „große Freundschaft“ 41
Italienische Militärinternierte (IMIs) 43
Das Problem: (Schwangere) Zwangsarbeiterinnen 43

6
Vom Zwangsarbeiter zur „Displaced Person“ 46
Verstoß gegen Vereinbarungen der Jaltaer Konferenz 46
Gnadenlose Sieger 47
Zurück in die polnische Heimat 50
Die Folgen des Zwangsarbeitereinsatzes 52
Die Frage der Entschädigung 53
Die Schuld wird nie beglichen werden 56
Zwangsarbeiter oder Schnitter? 58
Ein erfolgreicher Versuch 60
Sowjetische Offiziersfrauen in der LPG (T) Klein Vielen 62
Anhang 65
Literatur‐ und Quellenverzeichnis 65
Ich danke 68

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