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gutsch_tuete-medium.jpg"Die einen sind unkompliziert, patent, Schränke, die sich problemlos öffnen und verschließen lassen. Bei diesen guten Freunden darf man jederzeit hineinschauen, sie verbergen nichts vor dir. Dann gibt es die in sich gekehrten, störrischen, bei Tag Stillschweigen wahrenden, bei Nacht knackenden, von trockenem Leim krachenden, als fiele darinnen ein Schuss oder vollzöge sich ein Gewitter, die sich, statt Einlass zu gewähren, einen verbitterten Spalt aufschieben und mit Gewalt gegen deine eindringenden, unanständigen Hände wehren. Dabei beinhalten sie nichts als alte Luft. Die wirklich interessanten sind jene Schränke, die unbeachtet stehen, verschattet, von dir kaum wahrgenommen, und einmal, vielleicht nur ein einziges Mal in ihrem langen Schrankleben, erwischen sie den idealen Moment, springen auf, gerade wenn du, wie tausende Male zuvor, blind an ihnen vorbeigehen willst. Ein ausgeheckter Zufall. Aus ihnen spricht es einschmeichelnd: Komm doch näher, es gibt Geheimnisse."
 
Mit dieser Impression beginnt das elfte Kapitel in dem Roman "Nimmer. Lizas Liebe", den wir ab heute im Fortsetzungsabdruck veröffentlichen. Was Roland Gutsch seinen Protagonisten und seine Leser da entdecken lässt, darf auch für ihn selbst gelten: Der Autor, Sportredakteur unserer Zeitung und als Literat bereits mit dem Roman "Die verkaufte Bibliothek" und dem Erzählband "Zweieinhalb Tage" aufgefallen, gehört gewiss zur dritten Kategorie. In der Tat bekennt er sich als "kalter Hund, der viel in sich reinfrisst und wenig preisgibt". Insofern habe er "denkbar wenig zu tun" mit jenem Robert Zimmermann, der in "Nimmer. Lizas Liebe" als angehender Journalist mit schriftstellerischen Ambitionen ins mecklenburgisch- uckermärkische Grenzland kommt, "eine vom Pech verfolgte, eigens für Pech geschaffene Provinz", unter den rabiaten Einfluss einer "die Schere" genannten Chefin, eines doppelten gewaltsamen Todesfalls und zweier Frauen - der debilen Elsbeth und ihrer Pflegerin Liza, deren Geheimnis er ergründen muss. Wie? Indem er ihnen eine Geschichte erfindet. Das wiederum haben der Autor und seine Figur gemeinsam: "Wir haben das alles nicht erlebt." Nicht den Krieg, nicht die Flucht - im Fall von Elsbeths Familie erst aus dem heimatlichen Wolhynien und dann in den letzten Kriegstagen auch fort aus dem Zufluchtsort, vor den Siegern und den Gräueln, die man über sie erzählt -, nicht ob die schließlich eintretenden Katastrophen die befürchteten sind oder ganz andere.  Mit Geschichten darüber ist Gutsch aufgewachsen. Und weiß, wie Geschichtsschreibung sich immer mehr vom Erzählten, Erlebten entfernt. Sich mit den Menschen vom Land, vom Rand zu beschäftigen - "Wer macht das schon noch?", fragt der Autor, dem eben dieses bereits im Erstling bedachte Sujet noch nicht erschöpft war. Da gibt es wenigstens noch was zu beobachten und zu beschreiben - den Gegensatz zeigt ein nach Berlin führendes Kapitel, in dem sich Detailgenuss erübrigt: "Drei Stichworte, und jeder weiß Bescheid." Geradezu "unglaublich" findet der gebürtige Uckermärker das ländliche Nachrichtensystem: Als Kind mal mit blutender Kopfwunde aus der Schule nach Hause geschickt, traf er seine Mutter auf dem Feld schon bestens unterrichtet an. Mit zehn Jahren nach Neubrandenburg "zwangsausgesiedelt", fühlt sich der Autor dem dörflichen Milieu nicht mehr allzu vertraut. Darüber hinaus sorge der "Filter", es mit den Augen des Städters Robert zu betrachten, für einen klareren Blick. Auch einen böseren? "Den Eindruck habe ich nicht", sagt Gutsch; er bemühe sich, Zynismus in Grenzen zu halten. Bei aller Eigentümlichkeit bleiben Figuren - wie jene drei alten Damen, die alles sehen, alles wissen, alles weitersagen - sympathisch; der Roman solle "keine Posse, aber auch keine Folklore" sein. Der Kontrast zwischen dem puren ländlichen Idiom, mit dem "unsa Herr Schmieafink" da konfrontiert wird, und der gehobenen Erzählsprache könne als Makel gesehen werden, weiß der Autor, bewegt sich aber bewusst in diesem Spannungsfeld. Wenn er davon spricht, dass die Schere zwischen Anspruch und Können größer werde, dürfte das vor allem am steigenden Anspruch liegen. Lange her sind die Zeiten, "als ich zu schreiben anfing und keiner wusste davon"; eine schöne Reminiszenz ist das ungläubige Staunen über die erste Veröffentlichung. Spätestens der Annalise-Wagner- Preis 2004 für "Zweieinhalb Tage" gab seinem Selbstbewusstsein den Schub, das literarische Schreiben nicht mehr als "nur so nebenbei" abzutun. Damals als erster für ein belletristisches Werk mit dem sonst sachbuch-orientierten Preis ausgezeichnet, wurde der Autor oft gefragt, wie Fiktion entstehe. Wie er jenen Vorgang selbst erlebt, projiziert er nun auf jenen jungen Mann "vonne Schurrnallje", der sich eigentlich zum Roman berufen fühlt. Auf die Idee, einen Protagonisten mit dem bürgerlichen Namen des eigensinnigen Musikers Bob Dylan in die Welt zu schicken, sind zwar schon einige gekommen, aber auch Gutsch bekennt sich zur Marotte, "die alten Helden anklingen zu lassen". Das mag ebenso gelten, wenn Einflüsse seiner literarischen Favoriten von Vonnegut bis Nabokov durchschimmern - sie tun dem eigenen Ton keinen Abbruch. "Die Buchstaben haben es mir schon angetan", bekennt Roland Gutsch, der die Grenze zwischen Literatur und Journalismus "gar nicht so streng ziehen" mag. "Fußball, vor allem in den unteren Spielklassen, hat genauso eine Magie wie Gabriel García Marquez." Sich am Schriftsteller-Schreibtisch vom Leben zu entfernen, kann den 46-Jährigen nicht locken. Erst recht nicht die Vorstellung, vom Verkauf seiner Bücher leben zu müssen: "Dann machts keinen Spaß mehr." So aber profitiere auch seine journalistische Arbeit vom schriftstellerischen Nebengleis. Zumal übrigens die Akzeptanz für Literatur in Sportkreisen viel selbstverständlicher sei als jene in Literaturkreisen für den Sport. Dabei muss es ja nicht bleiben.
 
 
"Nimmer. Lizas Liebe" erscheint am 14. November im Steffen Verlag Friedland (336 Seiten, 19,50 Euro; ISBN 978-3-940101-7. Buchpräsentationen am 22. November, 19Uhr, im Boulevardcafé Neubrandenburg und am 15. Dezember, 17 Uhr, im Antiquariat Marienpalais in Neustrelitz.
 
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