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milster-medium.jpgDie Leuchtschrift "Konsum" über dem Geschäft in der damaligen Ernst- Thälmann-Straße in Neubrandenburg war im Mai 1954 noch in Arbeit, da drängten sich schon Leute vorm Schaufenster. Sie interessierten sich für die ausgestellten Haushaltswaren. Autor dieses Schwarz-Weiß-Fotos ist Joachim Milster. Oder: Ein Fernsehapparat zeigte die Ankunft der Friedensfahrer - im Schaufenster eines RFT-Geschäfts. Davor verfolgten Neubrandenburger die Etappenankunft. Joachim Milster fixiert hier ein Stück Lokal- und Mediengeschichte. "Ich habe das Motiv gesehen. Ob ich es aufnehme, musste ich selbst entscheiden. Da stand keiner und sagte, nun mach doch mal." Wer im Internet Fotos der Nachkriegs- geschichte sucht, erfährt bald: Milster hatte das Gefühl für das Wesentliche in der Entwicklung seiner Heimatstadt. Als er 1946 in Neubrandenburg ankam, ahnte er nicht, einer der Stadtfotografen zu werden. Der gebürtige Pommer hatte das Zeugnis der zehnten Klasse in der Tasche. Doch der 18-jährige Landwirtssohn hatte infolge einer Verwundung 1945 sein rechtes Bein eingebüßt, ein heute schwer vorstellbares Trauma am Start eines Berufslebens - Schulrat Schwarz stellte ihn ab Juni 1946 als Lehramtsbewerber in den Schuldienst an der Fritz-Reuter-Schule ein. Milster übernahm eine Klasse mit 56 Jungen, um sie auch in Heimatkunde zu unterrichten. Dafür musste er sich intensiv mit der Stadtgeschichte befassen. "Da es für Heimatkunde kein Unterrichtsmaterial gab, begann ich alles zu sammeln, was für meine Unterrichtsarbeit verwertbar war. Bücher, Broschüren, Reiseführer und Chroniken." Als 1950 sein Sohn geboren wurde, kaufte sich Milster eine Kamera der Marke Ercona mit einer Original Zeiss-Optik. Er fotografierte anfangs vor allem seine Familie und Kinder. Ihre Porträts zeigte Joachim Milster 1952 Redakteuren der "Freien Erde". Noch heute freut sich der Senior, dass sie "angekommen" sind. "Ich bekam Aufträge, die zu erfüllen mir mehr und mehr Spaß machte. Das Honorar investierte ich umgehend in eine professionelle Fotoausrüstung und in ein Fotolabor." Seine erste Kleinbild-Kamera war eine Praktica, später folgte das Spitzenmodell Exakta Varex mit Wechselsuchersystem. Der junge Lehrer beschäftigte sich anfangs mit dem Aufbau der Stadt, fotografierte Grundsteinlegungen und Aufbausonntage. Milster hat aber auch im "Volkshaus" unvergessliche Auftritte bekannter Solisten, Orchester und Ensembles erlebt. So kam eine stattliche Sammlung von Originalaufnahmen und Reproduktionen zusammen - mehr als 14 000 Negative mit Motiven der Viertorestadt entstanden in mehr als vier Jahrzehnten. Die Fotos des wohl größten Privatarchivs über die Neubrandenburger Entwicklung nach 1945 umfassen viele Gebiete der Stadtgeschichte. Tausende Fotos entstanden im Auftrag der Lokalredaktion der hiesigen Zeitung, Tausende im Eigenauftrag, viele andere spontan. "Ich machte die Bilder, weil ich dachte, das kann noch mal von Wert sein. Ich hatte Freude beim Aufnehmen, Entwickeln, Verwerten und Archivieren. Systematisch nach Themengruppen." Besonders liegt Joachim Milster bis heute das Nutzen der Fotografien für ein lebendiges Geschichtsbild am Herzen. In den ersten Jahrzehnten bereicherten die Bilder seinen Unterricht und informierten die Leser der "Freien Erde". Nach der Wende haben die Bilddokumente eine neue "Verwertung" erfahren. Milster stellte in 30 Folgen die Neubrandenburger Aufbaugeschichte seit 1945 in der Lokalausgabe des "Nordkurier" dar. Ein Renner ist auch die Serie "Kennen Sie das alte Neubrandenburg ?" mit derzeit weit über 100 Folgen in der Neubrandenburger und Altentreptower Lokalausgabe. Es folgte im Jahr 2000 der Bild-Text-Band "Neubrandenburger Historie 1945-1990". Als Milster das Buch in der Neubrandenburger Buchhandlung "Fritz Reuter" vorstellte, saß Horst Beyermann im Publikum. Die beiden ehemaligen Lehrer entschlossen sich, gemeinsam Bücher zur Stadtgeschichte beim Friedländer Verlag Steffen zu erarbeiten. Vier Bild-Text-Bände sind seither erschienen. Der gewissenhafte Chronist erinnert sich gern an seine Ehrung am 4. Januar 2006 anlässlich des 16. Bürgerempfangs. Günter Rühs würdigte in der Konzertkirche warmherzig seinen ehemaligen Lehrer: "Sie haben nach dem Krieg angepackt und unser Land neu aufgebaut. Ich danke Ihnen für die Werte, die Sie uns gaben, und für Ihr Vorbild." Fürwahr, als Stadtfotograf und Chronist dokumentierte er in Wort und Bild die Veränderungen seiner Heimatstadt und prägte das Stadtleben auch durch Vorträge und Veranstaltungen. Den außergewöhn- lichen Beitrag zur öffentlichen Erinnerung ermöglichte seine Fähigkeit, im Alltäglichen das Besondere, das Bleibende aufzuspüren. So wurde Joachim Milster ein Chronist des Wesentlichen. Leben und Schreiben gehen für ihn ineinander über, lassen sich nicht trennen. Diese Nähe zum Alltagsleben ermöglicht ihm heute, die Veränderungen in Straßen, auf Plätzen und von Stadtteilen in Wort und Bild schildern zu können. Milster sieht sich als "Stadt- fotograf und vor allem als Chronist". Es bleibt sein Wunsch, die Erinnerung an Geleistetes wach- zuhalten: "Immer mehr ältere Bürger sterben. Es ist wünschenswert, dass die Alten ihre Erfahrungen an die junge Generation weitergeben. Was hier in Neubrandenburg nach 1945 geleistet wurde, darf nicht in Vergessenheit geraten. Das gilt ebenso für die Veränderungen seit 1989. Es ist gewaltig, wie sich die Stadt zum Guten gewandelt hat. Dennoch dürfen wir die Anfänge nicht vergessen. Beispielsweise die Trümmerfrauen. Sie haben die Loren in Handarbeit beladen und zu viert zu den Schuttplätzen geschoben. Das waren Leistungen, die wir nicht aus dem Gedächtnis der Stadt verlieren dürfen. So lange es geht, will ich an diesem Erinnern mitwirken."
Quelle: Nordkurier | Lokalausgabe: WochenendKurier | Autor: Tremper Jürgen | Foto: Jürgen Tremper
 
 
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